Über uns

Wir dachten, die Universität sei ein Ort kritischer, unabhängiger Wissensproduktion. Ein Ort, an dem wissbegierige Menschen selbstbestimmt zum Wohle der Gesellschaft forschen. An dem irgendwie aufklärerische Ideale herrschen, an denen wir aber selber auch so berechtigte Zweifel haben. Nach wenigen Semestern an der Uni sind wir reichlich enttäuscht, aber nicht resigniert. Wir fragen uns, ob Wissenschaft nicht auch ganz anders funktionieren kann.

Fakt ist: Die Universität befindet sich in einem stetigen Wandel und mit ihr die Wissenschaft. In den letzten Jahrzehnten haben wir den Umbau zur neoliberalen Hochschule am eigenen Leibe erfahren können. Bologna-Reform, Exzellenzcluster und eine zunehmende Ökonomisierung und Privatisierung verschiedener universitärer Bereiche haben nicht nur einen Einfluss darauf, wie wir lernen und unser Studium organisieren, sondern auch auf die Inhalte und die Art und Weise des Wissens und der Wissensproduktion.

Dass die Universität zur Lernfabrik verkommen ist, macht sich in Bulimie-Lernen, Leistungs- und Zeitdruck sowie einem starken Konkurrenzkampf unter den Studierenden bemerkbar. Da bleibt keine Zeit mehr für Muße, Reflexion und kritisches Hinterfragen. Doch sind es genau jene Eigenschaften und Tätigkeiten, die wissenschaftliches Arbeiten so sehr benötigt. Erst im Tiefgang und mit der Zeit lassen sich wissenschaftliche Sachverhalte aneignen, verstehen und letztlich auch kritisieren.

Und genau das ist unser Ziel: Wir, als eine Gruppe Studierender aus diversen Fachrichtungen, wollen die gegenwärtige Lage der Universität und damit der Wissenschaft einer radikalen Kritik unterziehen. Wissenschaft ist für uns nichts starr Gegebenes, sondern stets an gesellschaftliche Verhältnisse geknüpft und lässt sich als Ausdruck dieser verstehen. Die grundlegende Frage, die wir uns also stellen, ist, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen wissenschaftliches Wissen produziert wird. Wenn also die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen wir heute leben, als kapitalistisch und patriarchalisch begriffen werden können, so lässt sich vermuten, dass sich diese auch in kapitalistischen und patriarchalen Denkformen niederschlagen. Dabei denken wir konkret an die Wissenschaft durchdringende androzentrische, also männlich geprägte, eurozentristische und ökononomische Denkweisen.

Wenn wir von Wissenschaft und Kritik reden, meinen wir zweierlei: Einerseits möchten wir die Wissenschaft in ihrer gegenwärtigen Form kritisieren, wobei wir auf das Problem stoßen, genau jene (wissenschaftlichen) Methoden für unsere Kritik anwenden zu müssen, die wir vermeintlich kritisieren. Andererseits stellen wir uns die Frage, was es für eine Wissenschaft bedeutet, kritisch zu sein. Die Bedeutung von kritischer Wissenschaft unterscheidet sich nicht nur von Fach zu Fach, sondern hat auch im Laufe der Zeit, je nach den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, immer wieder verschiedene Formen angenommen. Kritisch kann heißen, mit dem Mainstream zu brechen, gängige Methoden und Theorien in Zweifel zu ziehen oder eine gänzlich neue Perspektive auf altbekannte Probleme zu werfen. Wissenschaft kritisch zu betreiben, heißt für uns vor allem, die gesellschaftlichen Gründe der Wissenschaft zu untersuchen und offenzulegen. Dabei ist der Begriff der Kritik weder klar noch konstant und stets selbst im Zentrum der Diskussion.

Was wir uns wünschen, ist eine emanzipatorische Wissenschaftskultur, die Selbstbestimmung und Pluralismus fördert, in der marxistische, feministische und postkoloniale Sichtweisen nicht marginalisiert und die Interessen aller gesellschaftlicher Gruppen und nicht nur die der herrschenden Minderheit und Privilegierten vertreten sind. Wir wünschen uns eine Universität, die sich von den Interessen des Kapitals befreit, mehr Zeit und Freiräume schafft, in der nicht nur kapitalistisch verwertbare, sondern wieder mehr grundlegende Fragen erforscht werden.

Doch wollen wir nicht nur kritisieren. Vielmehr wollen wir die (bereits existierende) Kritik an Wissenschaft aus mehreren Theorierichtungen – auch außerhalb von Soziologie-Instituten – sichtbar machen, diskutieren, zueinander in Beziehung setzen, in unsere Lebensführung  und studentische Laufbahn einfließen lassen, kurz: selbst kritische Wissenschaft voran- und be-treiben. Um die gegenwärtigen gesellschaftlichen und universitären Verhältnisse kritisieren zu können, brauchen wir zunächst eine Analyse dessen, was falsch läuft. Die Bewusstwerdung der Relativität und Kritisierbarkeit von Wissen, Wissenschaft und deren Verflechtung mit Aspekten der Macht stellt die Grundlage unserer Arbeit dar. In Form von Vorträgen, Workshops und Tagungen wollen wir uns mit anderen Studierenden und Beschäftigten der Universität austauschen, vernetzen und in den Diskurs treten. Am Ende steht unser Wunsch nach einer Umstrukturierung von Wissenschaft und Universität, die wir nicht zugunsten wirtschaftlicher Interessen preisgeben, sondern nach emanzipatorischen  Vorstellungen gestalten wollen.